Ist Anthem der Anfang vom Ende der Games as a Service?

Ist Anthem der Anfang vom Ende der Games as a Service?

22. Februar 2019 0 Von Johnny

Anthem ist das aktuellste Symptom der krankenden AAA-Industrie. Einst legendäre Entwickler werden von gierigen Publishern gezwungen, am laufenden Band Frankensteins Monster zu erzeugen. Jetzt folgen erste Rückschläge.

Gleich vorweg: ich beurteile hier nicht die Qualität von Anthem selbst, denn ich habe das Spiel nicht gezockt und werde, so Gott will, dies auch tunlichst vermeiden. In dem Titel steckt eine Menge Geld und Arbeit talentierter Entwickler – und somit auch eine gewisse Qualität. Das Problem ist, wofür Anthem steht.

Anthem ist ein Destiny-Klon. Anthem jagt als Shooter-MMO einem Trend hinterher. Anthem ist ein zerbrechlicher Hybrid aus Bioware-typischem Storytelling und Bioware-untypischem Shooter-Gameplay. Anthem ist der Versuch die Kreativität zu minimieren und den Gewinn zu maximieren. Anthem ist eine von Männern in Anzügen erdachte Art von Videospiel, die inzwischen zu verbreitet ist.

Die großen Publisher waren der Meinung, mit den Games as a Service, also den durch DLCs, Mikrotransaktionen und Online-Events künstlich am Leben erhaltenen Spielen, das ideale Produkt gefunden zu haben. Die Spieler zahlen für die meisten dieser Titel den Vollpreis und werden anschließend durch zusätzliche Kosten ordentlich gemolken.

Stand jetzt soll es in Anthem keine Lootboxen geben und alle Erweiterungen sollen kostenlos sein. Nur für den schnellen Erwerb kosmetischer Items wird man blechen müssen. Schön. Doch das wird nicht so bleiben. Vermutlich wird man zu einem späteren Zeitpunkt für Charakterklassen und ähnliches zur Kasse gebeten. EA musste mit Star Wars Battlefront bereits lernen, dass man unbeliebte Mikrotransaktionen besser später einführt, als sie direkt zum Launch anzubieten und dafür auf die Mütze zu bekommen.

Apropos, Activision hat gerade Lootboxen in Call of Duty: Black Ops 4 eingeführt, die in dieser Form von den Entwicklern eigentlich ausgeschlossen wurden. Doch wen kümmert das? Ein bisschen schlechte PR nimmt man gerne für einen dicken Sack voll Geld in kauf. Das dies bei Activision Blizzard so gehandhabt wird, zeigten ja bereits die massenhaften Entlassungen der letzten Woche.

Ein häufiges Argument in der Diskussion um die Rechtschaffenheit solcher Spiele ist, dass man sie ja nicht kaufen oder spielen muss. Und ja, muss man nicht. Aber viele Games, die man lieber gezockt hätte, existieren dank ihnen erst gar nicht. Beispiele: Amy Hennings Star Wars-Spiel im Uncharted-Stil, Fallout 5 (das irgendwann kommen wird, ja, aber eben erst in einigen Jahren), ein ordentlicher Shooter von Bungie mit Singleplayer-Kampagne und nun welches Rollenspiel Bioware ohne Anthem eben entwickelt hätte.

Aber die Anzeichen sind da, dass sich die Videospielindustrie selbst reinigt. Klassische Singleplayer-Spiele wie God of War, Spider-Man und Resident Evil 2 haben sich prächtig verkauft. Die Hoffnung ist auch, dass sich Spieler von Fortnite und anderen Einstiegsdrogen irgendwann solchen Titeln zuwenden. Die Erfolge dieser Gegenbeispiele sind ein Aspekt. Der andere ist der Gegenwind, der den Publishern ins Gesicht bläst.

Denn so langsam beginnt sich die Industrie zu wehren: Spieler beschweren sich und geben weniger Geld für virtuellen Blödsinn aus (warum sonst hat Activision Bungie und Destiny freiwillig aufgegeben?). Entwickler wollen wieder mehr Selbstbestimmung (wieder ist Bungie zu nennen – zudem verlassen viele Entwicklerkoriphäen ihre Studios, wenn diese von potenten Publishern aufgekauft werden). Die Medien strafen uninspiriertes Game-Design ab (Anthem liegt auf Opencritic bei 62 Prozent, Fallout 76 gar bei 53). Sogar ganze Staaten gehen gegen die Praktiken dieser Spiele vor (EA darf in Belgien keine Lootboxen für Fifa 19 mehr anbieten).

Ein Mitarbeiter von Microsoft, die einen Marketing-Deal für Anthem haben, ist übrigens der Meinung, ihr solltet keine professionellen Tests oder kritische Artikel wie diese lesen. Das ist für ihn alles nur Gejammer. Schaut lieber den bezahlten Streamern zu, die das Game so feiern.

So, genug geschimpft. ich mache mir jetzt ein Bier auf und sehe zu, wie EA, Activision und Konsorten mit ihren Heilsbringern gegen die Wand fahren. Dieser Prozess wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen, doch mein Kühlschrank ist voll.