Guter Charakter – Was macht einen gelungen Videospiel-Helden aus?

Guter Charakter – Was macht einen gelungen Videospiel-Helden aus?

7. Januar 2019 0 Von Kate

Wir alle haben unsere Videospiel-Helden der Kindheit und Teenagerzeit. Mario, Link, Sonic, Masterchief, Pikachu, Pac Man, all diese Charaktere werden immer wieder genannt, wenn man das Internet nach den bliebtesten befragt. Doch wenn wir ehrlich sind, so richtige “Charaktere” mit einer reichen Hintergrundgeschichte und komplexen Zügen sind sie eher nicht. Was macht dann einen gelungenen Charakter aus? Auf der Suche nach Antworten in Rängen der “besten” Videospielcharaktere.

Die Herausforderung eines jeden Charakter Designers besteht darin, dass sie bei der Gestaltung der Avatare und NPCs vor dem Problem, dass sie den Spagat zwischen Held und “emtpy vessel” leisten müssen. Das heißt sie müssen sie einerseits mit ausreichend attraktive Eigenschaften ausstatten, die uns Spieler faszinieren und an das Spiel fesseln – und andererseits genügend Raum lassen, dass wir sie mit unserer eigenen Persönlichkeit füllen können.

Wie groß der Einfluss des Spielers auf die Gestaltung seines Avatars ist, ist abhängig vom Genre, respektive Game Design. Es ist also nicht zwingend ein Mangel an Qualität, wenn eine Figur wenig Persönlichkeit besitzt, sondern häufig den unterschiedlichen Ansprüchen an das Game Design geschuldet. Spiele mit linearen Handlungssträngen lassen einem in der Regel weniger freie Hand bei der Gestaltung der Charaktere und deren Schicksal als Open-World- oder Sandbox-Games. Dennoch bleibt uns mancher virtuelle Held mehr in Erinnerung als andere.

Everybodies Darlings

Ezio Auditore, einer der Protagonisten aus der Assassin’s Creed-Serie, ist nicht nur einer meiner persönlichen Lieblinge sondern findet sich auch in anderen Bestenlisten immer wieder ganz weit oben.

Ich muss wohl nicht an die große Glocke hängen, dass ich als Assassin’s Creed Fan-Girl Ezio als einen der gelungensten Charaktere überhaupt bezeichnen würde. Das schöne ist: Damit bin ich nicht alleine. Eine relativ große Masse an Spielern, scheint wie ich seinem speziellen Assassinen-Charme erlegen zu sein. Er bringt ganz offensichtlich genau die richtige Mischung aus Humor, unwiderstehlichem Charisma und Bad-Ass-Manier mit. Trades, die er sich mit Nathan Drake aus Uncharted teilt. Dieser ist ebenfalls einer der beliebtesten männliche Charaktere – keine Best-of-Liste ohne den Schatzjäger. Auch seine weibliche Kollegin Lara Croft mischt weit vorne mit. Das Besondere an diesem Charakter ist, dass er den Sprung von der absolut leeren Hülle, die maximal noch als Personifizierung feuchter Männerträume “charakterisiert” werden konnte, in den jüngeren Teilen der Serie tatsächlich an Profil gewonnen hat.

Die erste weibliche Spielfigur war übrigens nicht sie, sondern Samus Aran aus der Medroid-Reihe. Auch sie wird häufig unter die beliebtesten und besten Videospiel-Charaktere gewählt. Und wenn wir schon dabei sind: Bayonetta ebenfalls. Ihr Charaktertyp erinnert stark an Ezio und Nathan, wenn man mal von ihrer stark sexualisierten Inszenierung absieht. Mein weiblicher Lieblingscharakter ist jedoch ein ganz anderer: GLaDOS aus Portal. Ich stehe einfach auf künstliche Intelligenzen mit Humor. Auch sie findet man nicht selten in den Listen. Die Namen Cloud, Kratos, Dante, Alucard und Solid Snake fallen allerdings häufiger. Dabei gilt Letztgenannter als eine der ersten virtuellen Spielfiguren, die den Sprung von einer bloßen Ansammlung von Pixeln zu einem echten Charakter geschafft hat.

Sidekick is King

Im Theater fiebert der Zuschauer mit dem Protagonisten mit und erfährt so die “Katharsis” (grichisch “Reinigung/Läuterung”). Im Spiel sind Zuschauer und Charakter quasi eins. . Das hat sicherlich einen ganz eigenen, “reinigenden” und belehrenden Effekt. Um das Erlebnis zu intensivieren, bedienen sich Game Designer/Character Designer häufig des Kniffes die Figuren und NPCs um den Avatar herum sprichwörtlich mit Leben zu füllen.  Während der Held nicht verlieren darf und kann, dürfen seine Begleiter und Sidekicks eine wahre Achterbahn der Gefühle erleben – und auch mal Schwäche zeigen.

Wenn der Protagonist in den Schatten der Spielerpersönlichkeit rückt, treten oft die Nebencharaktere ins Scheinwerferlicht und dürfen glänzen. Die Listen der beliebtesten Charaktere sind voll mit Antagonisten, Nebenrollen oder Sidekicks. Ein Beispiel dafür ist das Duo Joel und Ellie aus The Last of Us. Beides Charaktere, die in Best-of-Listen immer wieder auftauchen. Doch meistens schlägt Ellie Joel in der Beliebtheitsskala. Das mag sicherlich auch mit genau diesem Effekt zusammenhängen, der ihrem Charakter mehr Tiefe verleiht, als es bei Joel, der gleichzeitig Avatar sein muss, möglich wäre.

Ellie aus Last of Us ist ein Beispiel dafür, dass ein gelungener Charakter nicht immer die Hauptrolle spielen muss.

Empty vessel vs. Hero

Ich lehne mich einmal ganz weit aus dem Fenster und behaupte, dass es kaum ein Genre gibt, in dem Storytelling so sehr im Vordergrund steht, wie bei (Online-)Rollenspielen. Entsprechend gewichtig ist auch hier die “Rolle”, die der Spieler zur Geschichte einnimmt. Ich selbst verbringe immer Stunden im Charaktereditor, um meinen Avatar optisch zu perfektionieren, den richtigen Namen zu finden und – wo es möglich ist – mit einer passenden Hintergrundgeschichte auszustatten. Ich bin es, der den Charakter und die Persönlichkeit meiner Spielfigur bestimmt – zumindest soweit es mir die Spieldesigner erlauben. Der Spieler und die Spielfigur verschmelzen fast vollkommen. Das ist wiederum der Moment, in dem der Protagonist verliert, während die Nebenfiguren gewinnen.

Dragon Age: Origins von BioWare lebt quasi davon, dass die Begleiter alle ihre eigenen Geschichten haben, die man in Lagerfeuergesprächen und durch kleine Geschenke immer weiter aufdeckt, während man die Beziehung zu ihnen vertieft. Ich habe es bisher bei kaum einem anderen Spiel erlebt, dass mich Nebencharaktere so derart in ein Spiel ziehen und bis heute nicht loslassen. Vor allem Morrighan hat es mir – und offensichtlich auch einigen anderen Spieler – angetan. Ihr wunderbar schwarzer Humor und ihre ruppige Art machen sie unglaublich sexy. Der Hauptcharakter allerdings – trotz der “Origin”, die ich für ihn auswählen darf – verblasst fast vollkommen. In der Mass Effekt-Serie scheint BioWare dieser “empty vessel”-Hero-Konflikt deutlich besser gelungen zu sein. Commander Shephard aus der Mass Effekt-Serie ist in allen Top-Listen regelmäßig weit vorn dabei.

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Commander Shepard (m/w) wird als gelungster Avatar gehandelt, bei dem der Spieler selbst die Persönlichkeit bestimmt.

The Art of Charcraft

Zwar sind sie seltener in den offiziellen Charts vertreten, geistern aber dennoch als Fan-Favorites durch das Netz: Charaktere aus dem Hause Blizzard. Im Starcraft-Universum führt Sarah Kerrigan die Heldenriege an. In Warcraft ist es Arthas. Für mich persönlich reihen sich hier auch Illidan, Sylvannas und Aszshara ein. Gemeinsam ist ihnen nicht nur ein (selbst gewähltes) tragisches Schicksal, sondern vor allem die moralische Komplexität ihres Handelns. Das macht sie so faszinierend und hebt sie von “Pseudo”-Charakteren wie Gordon Freeman, Duke Nukem oder Pac Man deutlich ab. Wenn ich Illidan durch Warcraft steuere, stört es mich nicht die Bohne, dass er und ich praktisch nichts gemeinsam haben. Ich genieße es einfach, er zu sein und mit seinen Augen die Geschichte zu erleben.

Und doch: Wenn es hier nicht um “Charaktere” ginge, sondern allgemeiner um Avatare, wäre meine alte Druidin aus World of Warcraft auf dem ersten Platz meiner Lieblinge. Es gibt wohl kaum ein anderes virtuelles Wesen, zu dem ich eine derart enge Bindung habe – obwohl ich mir nicht einmal die Mühe gemacht habe, sie im Sinne eines RPGs mit einer Hintergrundgeschichte oder speziellen Eigenschaften auszustatten. Sie war einfach da. Zehn Jahre lang. Durch sie habe ich all die virtuellen Abenteuer erlebt, die mir bis heute einen wehmütigen Seufzer entlocken (mehr dazu in meinem Artikel über das “neue” Classic WoW).

Tipp: Wer noch tiefer in die Thematik einsteigen möchte, dem empfehle ich folgenden TED-Talk: