‘Did you just assume their gender?’ – Entwickler gefangen zwischen linken Medien und rechtem Mob

‘Did you just assume their gender?’ – Entwickler gefangen zwischen linken Medien und rechtem Mob

17. September 2018 0 Von Johnny

Gesellschaftspolitische Themen werden in der Spielbranche immer präsenter, sowohl in der Diskussion darüber, als auch in den Spielen selbst. Doch nicht alle Entwickler und Publisher, wissen mit den gewachsenen Ansprüchen souverän umzugehen. Ein Großteil befindet sich derzeit in einer Art Limbus zwischen Ignoranz und Gefälligkeit.

Electronic Arts hat gerade ein großes Problem namens Battlefield 5. Dabei wollte der Publisher in Kooperation mit den Entwicklern von DICE diesmal alles richtig machen. Keine Loot-Boxen, kein Season Pass – stattdessen kostenlose Erweiterungen. Doch das alles hat nichts geholfen.

Die Vorbestellungen von Battlefield 5 fallen unterdurchschnittlich aus und die Meinung der Community ist weitestgehend negativ. Grund ist die Darstellung des 2. Weltkrieges, beziehungsweise die Integration von Elementen, die dort nach Meinung der Masse nicht hingehören: Frauen und farbige Soldaten, die Seite an Seite mit ihren männlichen, weißen Kameraden kämpfen.

Das ist natürlich nicht realistisch, jedoch auch nicht der Punkt, um den es hier gehen soll. Die Frage ist vielmehr: Was sollten Publisher und Entwickler eigentlich tun, um es allen recht zu machen? Auf der einen Seite hat man den Aufschrei der Gamergater und Realitätsfanatiker bei Battlefield 5, auf der anderen Seite die Gutmenschen und Gerechtigkeitskämpfer.

Aktuelles Beispiel für Letzteres: Die Reaktionen auf einen Tweet von CD Project Red. Ein Mitarbeiter twitterte einen schalen Witz. Auf den Wunsch eines Users ‘mehr von den Jungs’ sehen zu wollen, war die Antwort: ‘Hast du gerade ihr Geschlecht festgelegt?’. ‘Did you just assume their gender?’ ist im Englischen ein Meme, das sich gegen Political Correctness richtet.

Einige linksgerichtete amerikanische Seiten nutzten den Vorfall auch gleich für ihre Agenda. Aus einem schlechten Witz wurde ein Angriff auf Transsexuelle gemacht. Und es handelt sich hierbei nur um einen Tweet. Entwickler können es sich nicht erlauben, dass eines ihrer Millionenprojekte so unter Beschuss kommt. Einige Twitter-User riefen sogleich zum Boykott von CD Project Reds aktuellem Projekt Cyberpunk 2077 auf. Der Tweet wurde inzwischen gelöscht.

Sich auf eine der beiden Seiten zu stellen ist demnach keine brauchbare Lösung. Doch was können die Verantwortlichen tun? Sehen wir uns einige Ansätze anhand von Beispielen an.

Ubisoft weigerte sich lange, in Assassin’s Creed-Spielen weibliche Protagonisten zuzulassen. Die offizielle Entschuldigung war, dass man diese komplett neu animieren müsste. Dies scheint seit Syndicate allerdings kein Problem mehr zu sein. Dieses und auch Odyssey zeigen die einfachste Lösung: Der Spieler wechselt zwischen Frau und Mann oder wählt zu Beginn des Spiels sein präferiertes Geschlecht.

Dieser Ansatz ist simpel, jedoch durch die Doppelbesetzung auch kostspielig. Zudem kommt gerade bei Spielen mit historischem Hintergrund wieder die Kritik der Realitätsentfremdung hinzu. Bisher konnte sich Ubisoft mit Assassin’s Creed Odyssey dieser Diskussion ganz gut entziehen. Warten wir ab, wie es dem Spiel ergeht, wenn es einmal erschienen ist.

Der simple austausch eines männlichen durch einen weiblichen Avatar ist der Falsche Ansatz für Spiele mit tiefgreifender Story. Geschlechter existieren nun einmal und wenn man die Unterschiede unterschlägt, wozu dem Spieler dann überhaupt die Wahl lassen? Lieber einen Charakter mit Tiefgang, als zwei austauschbare Hüllen.

Menschen, die sich keinem der zwei gängigen Geschlechter zuschreiben, gehen auch bei Assassin’s Creed Odyssey leer aus. Ubisoft müsste hier Optionen im hohen zweistelligen Bereich liefern, um alle glücklich zu machen. Bisher erfüllte nur South Park: The Fractured But Whole dieses Kriterium. Allerdings mit einem humoristischen Unterton.

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Bei Mr. Meckey müsst ihr in Fractured But Whole nicht euer Geschlecht bei Geburt, sondern auch eure sexuelle Identität festlegen. Quelle: Ubisoft

Humor scheint ein valider Weg zu sein, sich der Kritik zu entziehen. Hier gilt: Je abgedrehter, desto besser. Bayonetta beispielsweise, ist hyper-sexualisiert. Das Spiel wird aber verhältnismäßig selten für diesen Aspekt kritisiert. Genauso verhält es sich mit freizügigen Darstellungen in vielen bunten japanischen Spielen.

Als neuestes Exempel wäre Dragon Quest 11 zu nennen. Hier kann die Freizügigkeit weiblicher Charaktere sogar als Fähigkeit im Kampf genutzt werden. Oder auch Zelda: Breath of the Wild und Final Fantasy 7. In beiden Titeln muss sich der Protagonist als Frau verkleiden, um so Zutritt zu Orten zu erhalten, in denen Männer verboten sind. In Paper Mario und die Legende vom Äonentor gibt es eine Hexe, die einmal ein Mann war.

In der heutigen japanischen Kultur gibt es für das Tragen von Frauenkleidung bei Männern einen eigenen Ausdruck: “Oktokonoko” hat seinen Ursprung in der japanischen Manga- und Internetkultur, die natürlich auch die Computerspiele-Welt beeinflusst. Auch im europäischen Raum hat Cross-Dressing eine lange Film- und Theatertradition. Vor allem in Komödien. Nicht jede Art von Humor ist unschuldig, aber dieser Ansatz bietet Entwicklern einen Weg, sich heiklen Themen zu nähern, ohne direkt unter massiven Beschuss zu geraten.

Eines meiner persönlichen Lieblingsbeispiele sind die Asari aus Mass Effect. Auf den ersten Blick ist die ausschließlich aus Frauen bestehende Alien-Rasse ebenfalls durchweg sexualisiert. Doch das Ganze hat einen Kontext. Die Asari sind von Geburt aus geschlechtslos. Ihr Erscheinungsbild ist den Erwartungen der Betrachter angepasst. Deshalb wirken alle Asari attraktiv. Frauen (und Männer), deren körperliche Vorzüge betont werden, können sich durch Kontext über diese erheben.

Zum Ende möchte ich noch die Legend of Zelda-Reihe als positives Vorbild nennen. Eigentlich hat die Serie meist einen typischen ‘rette-die-Prinzessin’-Plot. Doch seit Ocarina of Time spielt diese Prinzessin eine dem Protagonisten Link oft übergeordnete Rolle. In genanntem Spiel übersteht Zelda, als Shiek verkleidet, sieben Jahre der Herrschaft Ganondorfs. The Wind Waker präsentiert sie zu Beginn des Abenteuers als taffe Piratin und Link als naiven kleinen Jungen. Auch in Skyward Sword und Breath of the Wild ist Zelda ein eigenständiges Wesen, mit individuellen Zielen und Motivationen.

Apropos Breath of the Wild: Nintendo hätte ohne weiteres dem Trend folgen und eine Geschlechter-Option implementieren können. Doch wozu? Link in Breath of the Wild ist fast schon androgyn. Nach Veröffentlichung des ersten Trailers mutmaßten viele, es handle sich um eine weibliche Protagonistin. Eine sehr elegante Lösung, diesem Problem aus dem Weg zu gehen.

Dieses Thema wird uns wohl noch einige Jahre begleiten. Die Marketing-Verantwortlichen werden in dieser Hinsicht zukünftig mit Sicherheit noch besser geschult, doch durch die Empfindsamkeit vieler Beteiligten, lässt sich das Treten in Fettnäpfchen kaum verhindern. Meine Hoffnung ist es, dass sich nicht einfach blind auf eine Seite geschlagen, sondern kreativ mit den Ansprüchen umgegangen wird. So wie es dieser dynamischen Branche gebührt.