Horrorshow #1 – Resident Evil (Remake)

Horrorshow #1 – Resident Evil (Remake)

4. Juni 2018 0 Von Johnny

Das Remake von Resident Evil gilt als eine der besten Neuauflagen der Videospielgeschichte. Doch warum ist das so? Dieser und anderen Fragen wollen wir in unserem ersten Teil von Horrorshow auf den Grund gehen – unserer neuen Kategorie, in der wir Horror-Titel mit einer Mischung aus Test und Beschreibung der Atmosphäre unter die Lupe nehmen. Tauchen wir ein – in den Survival Horror. P.S.: Bitte die Musik-Player an der jeweiligen Stelle aktivieren.

Es ist die (Konsolen-)Generation der Remakes. Ihre Ankündigung wird häufig gefeiert wie die einer neuen IP und die Verkaufszahlen stimmen. Remakes sind inzwischen fester Bestandteil des Business-Plans der großen Videospiel-Publisher. Und trotzdem ist Resident Evil, 2002 für den Gamecube erschienen, noch immer das Beste seiner Klasse.

Stille. Ihr Herzschlag beginnt sich zu senken. Doch die Gedanken kreisen. Wie ist sie hier nur hinein geraten? Was ist falsch gelaufen? Eine Lampe auf einer Kiste  wirft flackernde Schatten an die Wand. Sie sehen aus wie lange, scharfe Gegenstände. Regungslos bleibt sie in der Türe stehen. Eine Kratzspur auf ihrem Unterarm. Bis jetzt ist sie ihr nicht aufgefallen, doch nun spürt sie ein Brennen. Nie wieder möchte sie diesen Raum verlassen. Doch ihr Pflichtbewusstsein befiehlt es ihr. Sie wird gebraucht.

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Quelle: Capcom/Youtube

Inzwischen ist das Remake von Resident Evil (kurz RER) für viele Plattformen erschienen und wird wohl auch in Zukunft immer wieder neuen Spielern verkauft. Auf den Konsolen der aktuellen Generation mauserte sich die HD-Version gar zu Capcoms am besten verkauften digitalem Titel aller Zeiten. Von der ursprünglichen, 1996 für die Playstation erschienen Version spricht inzwischen kaum einer mehr.

Doch auch wenn das Original quasi obsolet geworden ist, lieferte es doch die essenzielle Basis für das Remake. Es ist noch immer ein Klassiker. Mehr noch, es ist noch immer ein gutes Survival-Horror-Spiel. Doch zu empfehlen ist die Ur-Version nicht mehr – und das nicht nur auf Grund von RER. Wie viele Spiele zu dieser Zeit, leidet Resident Evil unter Einschränkungen im Quality of Life-Bereich.

Die Eingangshalle der Villa wirkt, als würden hier Riesen hausen. Er kommt sich vor, als sei er gerade auf einer magischen Bohne in ihr Reich eingedrungen. Das Haus lebt. Aus allen Ecken und Wänden dringen Geräusche. Es ist keine Zeit, sich verzaubern zu lassen. Eine quietschende Tür in der Ferne. Oder doch ein heller Schrei. Er muss weiter, der Sache auf den Grund gehen. Dem Schrecken ein Ende setzen.

Welcher Wahnsinnige hat dieses Labyrinth entworfen, wer in diesen Hallen gewohnt? Die durch die Gänge schleichenden Monster sind wie Laborratten. Oder sind doch sie selbst die Subjekte und die da draußen nur Teil des Irrgartens? Ein gelöstes Rätsel öffnet einen neuen Pfad. Der Erfolg fühlt sich jedoch nicht wie einer an. Jemand wollte, dass sie hierher kommen. Jemand will, dass sie voranschreiten.

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Quelle: Capcom/Youtube

Die als erstes ins Auge stechende Verbesserung des Remakes ist natürlich die Optik. Nach dem genialen Live-Action-Intro findet man sich in einem komplett überarbeiteten Herrenhaus wieder. Es ist noch das das Selbe, doch nicht mehr das Gleiche. Jede Faser der Villa strahlt Atmosphäre aus, scheint wichtig zu sein.

Grafik ist nicht alles, klar. Doch die Playstation und andere zeitgenössische Konsolen sind nicht gerade für die perfekte Darstellung dreidimensionaler Objekte bekannt. Dieses Problem wurde im Original durch vorgerenderte Hintergründe umgangen. Deshalb sieht auch diese Version noch immer passabel aus. Im Remake wurde diese Technik dann aber in Vollendung umgesetzt. Die HD-variante sieht für meinen Geschmack zu klar und plastisch aus. Die SD-Darstellung auf dem Gamecube gibt RER einen unverwechselbaren Grindhouse-Look.

Kommen wir zum wohl größten Kritikpunkt an der ersten drei Resident Evil-Teilen – der Steuerung. Diese ist für mich Grundlage für den Erfolg der Spiele. Die Entwickler schränken die Kontrolle des Spielers über den Avatar ein, um ihn so verletzlicher zu machen. Die Steuerung soll den Rhythmus vorgeben. Langsam und behäbig bahnt sich der Spieler seinen Weg durch das Haus. Jede Begegnung mit einem Zombie kann den Tod bedeuten, rennt man ihm unvorbereitet in die Arme.

Hand in Hand mit der Steuerung geht auch die Kameraperspektive – respektive wechselnde Perspektiven. Betritt man einen Raum, ist die Anwesenheit von Gegnern häufig nur durch deren Stöhnen oder Knurren auszumachen. Jeder Raum des Herrenhauses ist so von einer Atmosphäre der Gefahr durchdrungen.

Capcom hat es damals geschafft, die Einschränkungen der Technik zu Stärken zu machen. Ein weiteres Beispiel hierfür sind die Türen. Bei jedem Raumwechsel muss der Spieler zusehen, wie die Türe langsam geöffnet wird und der Protagonist hindurch schreitet. Dies erzeugt eine unglaubliche Spannung. Und überspielt die Ladezeiten. Im Remake sind diese Sequenzen noch immer enthalten, lassen sich jedoch unterbrechen.

Es ist ein Monster! Auch wenn es auf den ersten Blick aussieht wie ein Mensch. Langsam stolpert das Geschöpf auf ihn zu. Es will sein Fleisch. Instinktiv greift er zu seiner Pistole. Der Treffer in die Brust hält es nicht auf. Es rückt weiter vor. Mit kleinen Schritten versucht er die Distanz zu wahren, bis er mit dem Rücken an der Wand anstößt. Was soll er nur tun? Er zielt auf den Kopf und drückt ab. Die Schädeldecke platzt auf und das Wesen sinkt zu Boden. Ungläubig lehnt er an der Wand, die Pistole noch immer im Anschlag.

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Quelle: Capcom/GmaersGlobal

In neueren Resident Evil-Spielen sind die Protagonisten echte Stimmungs-Killer. Sie hauen Sprüche raus und auf Felsbrocken ein. Im ersten Teil ist das anders. Ob Chris oder Jill, viel Persönlichkeit bringen die Protagonisten nicht mit. Durch die überarbeitete Synchronisation im Remake, treten sie sogar noch weiter in den Hintergrund. Sie sind die perfekten leeren Gefäße für den Horror des Spielers.

Star des Spiels sind ohnehin nicht die Charaktere, sondern das Haus. Es wirkt wie ein Ort, an dem bis vor Kurzem gelebt und gearbeitet wurde. Trotzdem gibt es kaum eine Ecke, die gameplay-technisch unwichtig ist. Das Setting fügt sich zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Backtracking spielt hier eine große Rolle.

RER glänzt auch beim Pacing. Es hat genau die richtige Mischung aus Erkundungen, Puzzles und Kämpfen. Man kehrt immer wieder an bereits gesehene Orte und Räume zurück. Doch nie verlieren sie ihre bedrohliche Wirkung. Wenn man einen schon x-mal durchstreiften Korridor entlang läuft und plötzlich von einem neuen Gegner angefallen wird, weiß man was echter Horror ist.

Was RER als Remake so genial macht, sind die kleinen Änderungen. Bis auf die Überarbeitung von Optik und Ton, wirkt das Spiel zunächst sehr wie das Original. Dem ist auch so, bis man den Details Aufmerksamkeit schenkt. Die hinzugefügten Areale, wie der Friedhof, fügen sich in das Gesamtbild ein, setzten aber neue Reizpunkte.

Die beste Neuerung sind jedoch Lisa Trevor und die Crimson Heads. Lisa ist ein unbesiegbares Monster. Hört man ihre markdurchdringenden Schreie durch die Gänge hallen, hilft es nur noch wegzulaufen. Sie ist ein modernes Element. Spiele wie Amnesia und Outlast haben diese Mechanik später zu einer Institution des Horror-Genres gemacht.

Die Crimson Heads sind eine absolut geniale Ergänzung. Erledigt der Spieler ein Zombie, muss er dieses verbrennen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass es (wieder) von den Toten erwacht – und das deutlich stärker und schneller als zuvor. Doch das Kerosin für das Feuerzeug ist begrenzt. Der Spieler muss entscheiden, welche potentiellen Crimson Heads ihm später im Weg sein könnten und welche man getrost liegen lassen kann. Zudem läuft es einem jedes Mal kalt den Rücken herunter , wenn man an einem bereits besiegten Zombie vorbei läuft.

Dutzende der Kreaturen haben sie bereits erlegt. Die Ressourcen neigen sich dem Ende zu. Jede weitere Begegnung könnte ihr Ende bedeuten. Nur allzu knapp sind sie den Zähnen und Klauen entkommen. Angewidert steigen sie über die am Boden liegenden Leichen. Der Stiefel zerdrückt eine Hand. Was tot geglaubt, erlebt zu neuem Leben. Doch nicht wie zuvor. Es erhebt sich mit der Geschwindigkeit eines Raubtiers. Sie starren in das leere, blutrote Gesicht, dann stürzt es sich auf sie. Der perfekte Jäger. Die perfekte Waffe.

Körperlich und geistig kurz vor dem Zusammenbruch, sinkt sie im Garten auf eine Bank. Jede Wahrnehmung für Zeit ist dahin. Die Nacht scheint nicht vorübergehen zu wollen. Sie möchte weinen, doch das ist ihr nicht vergönnt. Katatonisch starrt sie in das dunkle Nichts. Vor ihr liegt der leblose Körper eines Jagdhundes. Es fehlen ein Bein und das halbe Gesicht. Was sie vor wenigen Stunden noch entsetzt hätte, zeigt nun keinerlei Wirkung mehr. Sie steht auf und geht wieder in die Nacht. Auf der Suche nach ihren Kameraden. Auf der Suche nach Antworten.

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Quelle: Capcom/Youtube

Alle Elemente von RER bündeln sich zu einem einzigartigen Erlebnis. Das bereits sehr gute Original wird durch technische Upgrades, neue Gegner und Areale zu einem Meisterwerk. RER ist dicht an Atmosphäre und Spielmechaniken. Kein Jota wird verschenkt. Spielt man RER zum ersten Mal, gibt es kein Areal, das man sicher durchschreiten kann. Überall lauert Gefahr.

Gerade im Vergleich zu der eher offenen und leeren Stadt in Silent Hill 2 wird klar, wie dicht gepackt RER ist. Auch wenn SH 2 auf eine andere Art anderen Horror abzielt. Bis heute hat es kein Spiel geschafft, dies zu replizieren, geschweige denn zu übertrumpfen. Vor allem kein anderer Resident Evil-Titel. Diese wurden ab Teil 2 immer größer und bombastischer. Resident Evil 7 geht zwar wieder zu den Wurzeln zurück, doch mit RER kann das Spiel nicht mithalten.

RER ist, je nach Tempo, in wenigen Stunden durchgespielt. Der perfekte Horror-Titel, den man alle paar Jahre mal wieder durchspielen sollte. Wer sich noch gar nicht in das Herrenhaus gewagt hat, hat nun eine Hausaufgabe. Derzeit befindet sich ein Remake zu Resident Evil 2 bei Capcom in der Mache. Eines meiner heiß begehrtesten Spiele. Doch egal wie gut RER 2 wird, das Remake des ersten Teils wird es als bestes Spiel des Franchise nicht verdrängen.