Die Konsole von heute ist der Elektromüll von morgen

Die Konsole von heute ist der Elektromüll von morgen

7. März 2018 0 Von Johnny

Der Erfolg von Emulations-Konsolen wie dem NES und SNES Classic, zeigen wie gerne wir auch heute noch die Spiele von damals zocken. Doch die Konsolen von heute sind hochgradig gefährdet, nach dem Erscheinen ihrer jeweiligen Nachfolger in der Versenkung zu verschwinden. Die Xbox 360 wird bald nur noch als Briefbeschwerer und die Playstation 4 als Buchstütze dienen.

Nostalgie ist etwas Wunderbares und ein integraler Bestandteil der Videospielbranche. Wir schwelgen gerne in unserer Kindheit und den damit verbundenen Erinnerungen an damalige Videospiele. Super Nintendo, Sega Mega Drive, Atari, C64 – wo auch immer die Zocker-Karriere begann, die Titel von damals sind uns teilweise heilig.

Immer wieder holen wir die alten Perlen aus dem Regal und spielen sie zum wiederholten male durch. Dabei fühlen wir genau das, was wir früher schon gefühlt haben und entdecken vielleicht noch das ein oder andere neue Detail. Die Spiele von damals waren einheitlich und dauerhaft, und wenn man möchte, lassen sie sich bis zum letzten ergründen. Diese Zeiten sind endgültig vorbei.

Es begann alles mit der Xbox 360. Abgesehen von den weitverbreiteten Überhitzungsproblemen, eigentlich ein feines Stück Hardware. Die Konsole bot eine interne Festplatte, kabellose Controller out-of-the-box und alle Vorzüge einer dauerhaften Internetverbindung. Letzteres sollte allerdings dazu führen, dass Konsolen nach deren Zyklus inzwischen nur noch unbrauchbare Boxen sind.

Das Internet hat Gaming revolutioniert und die Vorteile sollen hier nicht geschmälert werden. Die Nebenwirkungen jedoch haben unsere Wahrnehmung von Videospielkonsolen und Videospielen generell dauerhaft zum Negativen verändert. Eine Entwicklung, die sich in Zukunft noch weiter Verstärken wird.

Die Begleiterscheinungen der Internetrevolution heißen DLCs, Vorbesteller-Boni, Begleit-Apps und Mikro-Transaktionen. Letztere sind momentan in Form von Loot-Boxen besonders beliebt. Diese Formen der Monetarisierung und Verkomplizierung des Spielerlebnisses können beim Zocken neuer Titel sehr stören. Die Auswirkung auf deren mittel- und langfristige Zukunft ist jedoch weitaus prekärer.

Die Zeiten, in denen man ein Spiel kaufte und einem alles offen stand, das die Entwickler hineingesteckt hatten, sind vorbei. Wenn alle auf Online-Services beruhenden Zusatzinhalte irgendwann verschwinden, was bleibt dann von den Spielen noch übrig? Was passiert, wenn Videospiele plötzlich als Service begriffen werden und eine Konsole nur noch als Box, um diese zu realisieren?

Dies bringt zunächst einmal sogar Vorteile mit sich: neue Inhalte können hinzugefügt, Unfeinheiten geschliffen, Fehler behoben und das Spielerlebnis erweitert werden. Der Preis für diese Annehmlichkeiten ist jedoch größer als bisher angenommen. Viele ältere Titel wurden gerade durch ihre Kanten, Glitches und Bugs zu echten Klassikern. Passt den Fans oder Kritikern etwas nicht, so wird es heute einfach im Nachhinein verbessert, ob es das Spiel nun besser macht oder nicht.

Wenn Spiele auch nach Erscheinen flexibel und formbar bleiben, so verlieren sie ihren Nimbus als das eine Juwel, an das wir uns gemeinsam erinnern. Diese eine Cartridge oder CD-Rom, die unsere Kindheiten vereint. Denn noch stärker als alle anderen Medien, definieren Videospiele inzwischen den Zeitgeist.

Ob Kunst nun am besten hinter verschlossener Türe entstehen oder doch als gesellschaftliches Gemeinschaftsprojekt gesehen werden sollte, ist schwierig zu beantworten. Beide Ansätze bieten Vor- und Nachteile. Doch durch die Tendenz der Spielbranche hin zu letzterem verlieren wir den Zugriff auf das Produkt.

Während wir unseren Nachkommen noch genau die Spiele vorführen können, die uns damals so begeistert haben, werden spätere Generationen auf Definitive Editions für ihre aktuelle Konsole warten müssen. Oder aber, sie versuchen sich an dem Schweizer Käse, der von ihren einstigen Perlen übrig geblieben sein wird.

Digitale Daten sind wie ein Fluss. Auf Datenträgern ist dieser abgeriegelt und als Einheit konsumierbar. Eine ständige Anbindung an das Internet führt dazu, dass wir Daten nur noch abschöpfen, während der Fluss weiter fließt. Genau wie die Inhalte uns durch die Finger. Die von uns gesammelten Daten sind nicht sicher. Wenn wir sie einmal verlieren, haben wir eventuell nie wieder Zugriff auf sie.

Playstation 4 und Nintendo Switch sind mit ihren Vorgängern schon nicht mehr kompatibel. Und auch Microsoft änderte den Kurs erst nach massivem Druck. Die Konsumenten sollen sich nicht mit alten Spielen beschäftigen (oder diese zumindest immer wieder erwerben), um mehr Kaufkraft für den nächsten großen Hit zu generieren.

So groß der Hype bei Blockbuster-Titeln ist, so schnell klingt er nach Erscheinen auch wieder ab. Fortsetzungen häufen sich und wer das neue Call of Duty oder Fifa hat, der kann die alte Version nicht mehr gebrauchen. Sportspiele sind ohnehin das perfekte Beispiel dieser Wegwerfkultur. Ältere Versionen bekommt man praktisch geschenkt, während Zelda– oder Mario-Spiele noch immer hoch gehandelt werden. Daran wird auch der von EA in ihren Sportspielen eingeführte Story-Modus nichts ändern.

Fehlende Nachhaltigkeit kennt man sonst nur aus der Ökologie, ist aber auch im Spielbereich ein Problem. Inhalte wurden früher durch Können und Ausdauer freigeschaltet, heute lassen sie sich kaufen.

Die Qualität dieser Zusatzinhalte ist in der Regel jedoch mangelhaft und steht häufig in keinem Verhältnis zum Preis. Zusätzliche Achievements und Trophäen animieren dazu, sich die lieblosen DLCs zuzulegen, denn sie erscheinen auch im Menü, wenn man die Erweiterung gar nicht besitzt. Einige Firmen erdreisten sich sogar, Inhalte auf den Datenträgern erst im Nachhinein gegen Bares freizuschalten.

In einigen Jahren wird es unmöglich sein, sich eine ordentliche Xbox 360 oder PS3-Sammlung anzuschaffen, denn wenn die Unterstützung der Entwickler versiegt, so verschwinden auch große Teile der Spiele. Wir werden bei Assassin’s Creed 2 nicht mehr auf Machiavelli treffen oder das wahren Enden von Asura’s Wrath und Alan Wake zu Gesicht bekommen. Denn diese gibt es leider nur in Form von DLC.

Andere Titel, die eine konstante Internetverbindung benötigen, werden überhaupt nicht mehr zugänglich sein. Evolve wurde vor Kurzem vom Netz genommen und die Datenträger so zu nutzlose Scheiben degradiert. Auch bei Demon’s Souls wurden die Server abgeschaltet. Die Konsequenzen sind hier zwar nicht ganz so drastisch, das Erlebnis aber nie wieder das Gleiche.

Für Gamer, die Spiele gerne komplett genießen sind Vorbesteller-Boni, DLCs und Mikro-Transaktionen ein Ärgernis. Patches am Erscheinungstag, der Erfolg von Steam und die ursprüngliche Xbox One-Politik zeigen einen klaren Trend. Laufwerke werden auf Konsolen bald der Vergangenheit angehören und jegliche Inhalte in den digitalen Äther verlagert.

Ziehen die Entwickler irgendwann weiter, so bleiben die Spiele und am letztendlich ganze Konsolen als staubiges Skelett zurück. Nie werden sie in die Videospiel-Geschichte eingehen, wie es bei alten Klassikern der Fall war. Nie werden sie Jahrzehnte später noch gezockt, um das Erbe weiterzureichen. Emulation ist hierfür auch keine echte Lösung.

Die Qualität von Videospielen wird zukünftig in der Breite eher noch zunehmen. Echte Klassiker, die wir in 20 Jahren noch aus dem Regal holen, werden jedoch zur Mangelware. Es ist ein zweischneidiges Schwert: Videospiele erlangen durch mehr Flexibilität eine weitere Verbreitung, verlieren jedoch an Identität. Es liegt an den Entwicklern und Publishern, wie sie mit den gegebenen Möglichkeiten umgehen.